07.12.2012

Interview zum Thema: Balance statt Burnout

Medium kopf in sand Eine gesunde Live-Balance kann vor Burnout schützen. Peter Buchenau erklärt im Interview, was man als Arbeitnehmer über Burnout wissen sollte und welche Verantwortung beim Arbeitgeber liegt. (Bild: Olly)
Belastbarkeit und Stressresistenz. In nahezu jeder Stellenanzeige werden diese beiden Faktoren unter dem Punkt „Anforderungen“  aufgelistet und von den Bewerbern ganz selbstverständlich erwartet. Doch wie belastbar sind wir Menschen eigentlich? Gibt es überhaupt stressresistente Menschen? Und können wir diesen permanenten Druck in der Geschäftswelt wirklich langfristig durchhalten? Angesichts der regelrechten Burnout-Welle, die Deutschland seit einigen Monaten überrollt, sind das berechtigte Fragen.

Das Burnout-Syndrom ist derzeit allgegenwärtig. Viele erkennen ihre betroffenen Kollegen, Verwandten und Freunde kaum wieder. Vom Manager über den Sales-Experten bis zum Studenten brechen die Menschen reihenweise zusammen und wissen mit sich selbst, ihrer Arbeit und ihrem Leben nichts mehr anzufangen. In monatelangen Auszeiten müssen sie sich von dieser mentalen und körperlichen Erschöpfung erst wieder erholen. Manche schaffen den Schritt zurück in die Normalität jedoch nie. Arbeitnehmerverbände, Politiker und Expertengruppen fordern entsprechende Anti-Stress-Verordnungen, die im Arbeitsschutzgesetz verankert werden sollen. Es kann allerdings noch Monate oder sogar Jahre dauern, bis diese „Gesundheitsreformen“ in unserer Arbeitswelt wirklich großflächig greifen. Deshalb ist es wichtig, rechtzeitig bei sich selbst zu beginnen und sich mit der ganzen Burnout-Thematik ernsthaft auseinanderzusetzen. Ziel eines Arbeitnehmers sollte es immer sein, eine gesunde Balance im Leben zu finden; also im Prinzip eine gute Life-Balance anstatt der totgeredeten Work-Life-Balance.

Peter Buchenau hilft Menschen, diese Balance in ihrem Leben wiederzufinden. Er beschäftigt sich bereits seit über 15 Jahren mit berufsbedingten Stress- und Burnout-Fällen. In seiner Arbeit als ausgebildeter Trainer und zertifizierter Coach, versucht er Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen für dieses Thema zu sensibilisieren.

Herr Buchenau, Sie sind Spezialist für die Früherkennung von Stresssymptomen und dem Burnout-Syndrom. Haben Sie einen Weg gefunden, wie man sich vor Burnout schützen kann?


Ja, natürlich. Ich lebe die 50 Minuten Stunde. Jede Stunde nehme ich mir 10 Minuten Auszeit, Zeit für mich selbst. Zudem bewege ich mich so oft wie möglich an der frischen Luft und achte auf eine gesunde, ausgewogene Ernährung. Weiter ist es wichtig, dass mir die Aufgabe, die ich erledige, Spaß macht. Denn dann sehe ich diese Aufgabe, als Freude und habe keine negativen Einflüsse. Lachen ist die beste Medizin.

Vielen Arbeitnehmern macht ihr Job ja eigentlich Spaß, sie stehen aber dennoch unter permanentem Stress. Wie erkenne ich denn den Unterschied zwischen normalem Stress und Burnout?

Stress wird leider meist negativ assoziiert, dabei kann Stress sehr positiv sein. Folgende Stressaussage vom Schweizer Zentrum für Stressforschung gefällt mir am besten: „ Heute ist Stress die allgemeine Bezeichnung für körperliche und seelische Reaktionen auf äußere oder innere Reize, die wir Menschen als anregend oder belastend empfinden.“ Burnout betitele ich folgendermaßen: „Burnout ist ein Endzustand ausgesprochener emotionaler Erschöpfung und reduzierter Leistungsfähigkeit.“ Ich denke, der letzte Satz zeigt, wo der Hauptunterschied liegt. Bei einem Burnout schaffen Sie es im Büro nicht einmal mehr, sich eine Tasse Kaffee zu holen.

Und wann spricht man von einer Depression?

Depressionen und Burnout liegen sehr eng beieinander. Auch die Symptome sind ähnlich. Der wesentliche Unterschied ist, dass jemand, der Burnout hat, gebrannt haben muss – für irgendetwas. Was nie gebrannt hat, kann nicht ausgebrannt sein. Eine Depression kann ich auch bekommen, ohne „gebrannt“ zu haben.

Was stimmt nicht in unserer heutigen Arbeitswelt, wenn so viele Menschen „ausbrennen“? 

Was nicht stimmt, ist, vereinfacht gesagt, der Mensch. Wir sind einfach nicht geschaffen für diese Welt. Unsere Gene stammen noch aus der Steinzeit und haben sich kaum verändert. Die Welt heute ist aber eine ganz andere. Jedoch wäre es falsch, alles auf die Gene zu schieben. Globalisierung, Zivilisation, demografischer Wandel, Profitgier und kurzfristiges Denken in manchen Managementetagen gehören mit Sicherheit dazu, genauso wie mangelnde Disziplin jedes einzelnen Menschen.

Erledigen wir in unserer Arbeitswelt aber nicht zu viele Arbeiten, die eigentlich völlig unnötig sind? Ich denke da z.B. an zeitfressende Powerpoint-Präsentationen und die ständige Erreichbarkeit wegen unwichtigen Kleinigkeiten.

Mit Sicherheit. Ich erlebe immer wieder, dass vieles Gelernte nie angewandt wird. Wir lernen Zeitmanagementmethoden, Priorisierungen, Delegieren, Nein sagen – aber mal ehrlich, wenden wir das auch immer an? 

Welche Rolle spielt denn der Aspekt „Führung“ durch den Arbeitgeber oder direkten Vorgesetzten bei Burnout-Fällen?

Eine ganz Wichtige. Der Arbeitgeber oder Manager ist verantwortlich für den Mitarbeiter und dessen Gesundheit in der Firma. Er muss die Tätigkeiten des Mitarbeiters so steuern und lenken, dass dieser ohne permanenten Stress die Arbeit erledigen kann. Andernfalls hat er den Begriff Führungskraft nicht verdient. Auch ist er der Erste, der die Frühindikatoren von Stress und Burnout beim Mitarbeiter erkennen und dann handeln muss.

Was könnten Vorgesetzte Ihrer Meinung nach besser machen, um den Druck von oben abzufedern und nicht ungefiltert an die Mitarbeiter weiterzuleiten?

Sie könnten sich selbst weiterbilden, z.B. auf dem Gebiet der Gesundheitsprävention. Zudem müssen sie auch Rückgrat beweisen und betriebswirtschaftlich aufzeigen, dass Stress oder „Druck“ zu Gegendruck führt. Das ist das Gesetz der Physik.

Kann ich aus einer Burnout-Situation auch alleine wieder herauskommen, oder benötigt man auf jeden Fall professionelle Hilfe?

Kommt darauf an, wie tief Sie bereits in der Burnout-Spirale gesunken sind. Es gibt die Burnout-Spirale nach Freudenberger, die beschreibt Burnout in 12 Stufen. Ab der Stufe 7, nämlich der Reduktion von sozialen Kontakten auf ein absolutes Minimum, würde ich auf alle Fälle therapeutische Hilfe empfehlen.

Können Sie abschätzen, welcher Schaden durch Burnout für die deutsche Wirtschaft entsteht?

Da gibt es ganz genaue Zahlen. Einige Wirtschaftsverbände haben hier ganz klare Berechnungen vorgelegt. 2002 veröffentlichte das Schweizer Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) beispielsweise eine Berechnung, die sich auf 45 Milliarden Euro belief. 2010 benannte das Wirtschaftsinstitut Hamburg den wirtschaftlichen Schaden bereits mit 264 Milliarden Euro, Tendenz steigend.

Herr Buchenau, wir danken Ihnen für das interessante Gespräch.

Das Interview wurde geführt von Maximilian Hülsebusch.


Autor: Max Hülsebusch


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