21.03.2016

Was bringt der "Dr.-Ing."?

Der „Dr.-Ing.“ ist der höchste akademische Grad, den ein Ingenieur erreichen kann. Welche Vorteile hat die Promotion und lohnt sich der Aufwand für die Karriere? Ein Gespräch mit Dr. Michael Schanz, Arbeitsmarkt-Experte beim VDE.

Medium presse portrait schanz 3 kleinformat Dr.-Ing. Dipl.-Wirtsch.-Ing. Michael Schanz, VDE

Herr Dr. Schanz, warum entscheiden sich Ingenieure für die Promotion?

Dr. Michael Schanz: Selten ist „Karriere machen“ die Hauptmotivation. Sondern ein hohes fachliches Interesse. Meist steht im Vordergrund, dass sich Promotionsstudenten auf hohem akademischen Niveau mit einer Fragestellung aus Wissenschaft und Technik beschäftigen möchten. Die Freude an der wissenschaftlichen Arbeit spielt eine große Rolle, man lernt im Kern selbstständiges wissenschaftliches Arbeiten, oft interdisziplinär im internationalen Umfeld. Die Promotion kann ein Wegbereiter sein für Wissenschaft und Forschung. So hat man in der Regel nur mit Promotion eine Chance auf eine Professur an einer Universität oder Fachhochschule.   

Welche Voraussetzungen sind für eine Promotion nötig?

Natürlich sollte man Analyse- und Abstraktionsfähigkeiten mitbringen.  Zusätzlich wird von den Kandidaten Kreativität, Flexibilität, Eigeninitiative, Organisationsfähigkeit, Ausdauer und viel Begeisterung  für das eigene Fach erwartet. Neben formalen Kriterien: meist fordern die Hochschulen eine überdurchschnittliche Note des Master- oder Diplomabschlusses – im Schnitt 2,0 oder besser, sowie eine Abschlussarbeit im Einserbereich. Wobei die Anforderungen je nach Hochschule variieren. Gutes Englisch ist sicherlich auch erforderlich

Für wen lohnt sich der Aufwand? 

Die Promotion ist zeitintensiv, das sollte man in seine Kosten-Nutzen-Abwägung einbeziehen. Im Schnitt fordert die Promotion vier bis fünf Jahre und man braucht ein hohes Maß an Durchhaltevermögen. Aber eine erfolgreiche Promotion zeigt auch, dass man eine schwierige und komplexe Aufgabenstellung meistern kann – also Eigenschaften mitbringt, die unter anderem häufig für eine Führungslaufbahn gefordert werden.  

Welche Chancen haben promovierte Elektroingenieure in Unternehmen? 

Die Chancen sind sehr gut, aber natürlich auch die Erwartungen seitens der Unternehmen. Einen Freischein bietet die Promotion nicht. Die Erwartung an die Soft Skills sind höher als bei Nicht-Promovierten. Der Doktorgrad kann aber ein Sprungbrett sein für sehr anspruchsvolle Aufgaben in der Industrie, üblicherweise in der Forschung und Entwicklung. Wer schon weiß, dass er keine Professur oder Wissenschaftskarriere anstrebt, sondern in die Industrie will, sollte nicht in Richtung „realitätsferner Theoretiker“ abdriften. Sondern z.B. bei der Wahl des Promotionsthemas darauf achten, dass es praxisorientiert ist und industrienahen Nutzen verspricht. 

Was verdient der Dr.-Ing.?

Promovierte Elektroingenieure steigen im Schnitt mit einem rund 20-25% höheren Gehalt in den Beruf ein als Ingenieurabsolventen ohne Promotion. Dafür verdient der Master- oder Diplomingenieur aber auch schon vier bis fünf Jahre länger. Sowohl die Führungslaufbahn als Gruppen- oder Abteilungsleiter oder die Fachlaufbahn als Experte in bestimmten Themengebieten sind gängige Modelle. Auch in Patentwesen oder Normung ist der Dr.-Ing. gefragt, aber auch in Gremien bei nationalen und internationalen Verbänden sowie an Hochschulen. Es sind auch Wechsel in andere typische Tätigkeitsfelder als Spezialist oder Referent im Qualitätsmanagement, Einkauf, Controlling oder in der Logistik möglich. Um ein besseres Gefühl für typische Aufgaben promovierter Elektroingenieure zu bekommen, kann man sich auch an aktuellen Stellenanzeigen orientieren.

Wie viele Ingenieure entscheiden sich denn überhaupt für eine Promotion?

In Deutschland haben wir jährlich rund 10.000 Absolventen im Bereich Elektro- und Informationstechnik. Knapp sechs Prozent, etwas 600, werden promoviert. Die meisten davon erlangen ihre Promotion als wissenschaftliche Mitarbeiter im Rahmen einer sog. Assistenzpromotion.  

Und wie ist dann üblicherweise der weitere Karriereweg?

Die RWTH Aachen hat das vor ein paar Jahren untersucht, und zwar an Ingenieuren, die in den Jahren 2008-2010 promoviert wurden. Ein Drittel von ihnen begann als Entwicklungsingenieur in Forschungs- und Entwicklungsabteilungen zu arbeiten. Eine knappe Hälfte übernahm bereits sehr früh Personalverantwortung, sei es als Gruppenleiter, Abteilungsleiter oder auch als Geschäftsführer einer eigenen Firma. Nur knapp 15 Prozent verfolgten eine Karriere an der Hochschule. 

Demnach scheint sich der Dr.-Ing. für den Aufstieg in Leitungsfunktionen insgesamt zu lohnen?

Technisch ausgerichtete Unternehmen besetzen einen erheblichen Anteil ihrer Führungspositionen üblicherweise mit promovierten Ingenieuren, trotz flacher gewordener Hierarchien in den Unternehmen. Älteren Untersuchungen zufolge erreichte die Hälfte aller promovierten Elektroingenieure nach 5 Jahren Führungspositionen. Was noch auffällt: Ingenieur-Doktoren sind zufriedener als Promovierte anderer Studienfächer. Die Karrierechancen sind ebenfalls deutlich besser: Nur halb so viele promovierte Sozialwissenschaftler wie promovierte Elektroingenieure werden Führungskräfte; bei promovierten Mathematikern ist es nur ein Drittel, bei den promovierten Germanisten nur ein Siebtel. Aber nochmal: Es gibt auch Fälle und Tätigkeitsfelder, bei denen man hinterfragen muss, ob sich eine Promotion lohnt, wie etwa in Marketing, Vertrieb oder Fertigung. Je produkt- und kundennäher der Einsatz erfolgt, desto weniger wichtig ist im Normalfall die Promotion. 

Das Interview führte Corinne Schindlbeck


Autor: Corinne Schindlbeck


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