18.08.2010

Wenn das Gehalt zum "Schmerzensgeld" wird...

Medium schmerzensgeld 01 klein 03 (panthermedia.net / Yuri Arcurs)

"Stephen Meyer (Name von der Redaktion geändert) ist ein erfolgreicher Vertriebsingenieur bei einem renommierten Elektronikunternehmen. Für uns, als  Personalberatung, die sich auf die Elektronik-Branche spezialisiert hat, also ein attraktiver, potentieller Kandidat. Und: Wir haben auch gleich ein passendes Projekt für ihn: Es gilt, zeitnah eine Position als Key-Account Manager bei einem soliden, langfristig ausgerichteten, europäischen Unternehmen zu besetzen. Rein fachlich käme Meyer sofort für die Position in Frage, allerdings liegt das vom Unternehmen festgelegte Zieljahresgehalt bei maximal 90 k (davon 70 % fix und 30 % variabel). Schade, das war`s dann wohl, denken wir,  als wir erfahren,  dass sich sein derzeitiges Jahresgehalt auf 120 k (davon 100 k fix) beläuft.


Aber alles kommt anders -  Meyers Reaktion ist überraschend. Er will im Gespräch bleiben. Der Job reizt ihn und Geld spielt lediglich eine Nebenrolle. Fakt ist, das Burn-Out Syndrom wirft bei Meyer bereits seinen Schatten voraus. Privat hat ihm seine Ehefrau längst die rote Karte gezeigt, während sich Meyer in seinem beruflichen Hamsterrad am Rand des nervlichen Zusammenbruchs bewegt. Was bedeuten da schon 30k brutto weniger im Jahr, wenn die Möglichkeit besteht, sein Leben wieder ins Gleichgewicht zu bringen?

 

Geld oder Leben in der Elektronik-Branche

In der Tat, erlebt man als Personalberater in seinem täglichen Geschäft des Öfteren, dass  Arbeitnehmer ihr Gehalt als eine Art „Schmerzensgeld“ erleben und nicht mehr unbedingt bereit sind, einen so hohen Preis für ihr Privatleben und ihre Gesundheit zu bezahlen. Bei ca. 60 bis 70 Wochenstunden, einer überdurchschnittlichen hohen Reisetätigkeit und/oder  dem anspruchsvollen Arbeiten in drei verschiedenen Zeitzonen bleibt eine ausgeglichene Work- / Live-Balance schnell auf der Strecke. In der heutigen Zeit gesellen sich oftmals noch weitere Stressfaktoren, wie eine mangelnde Wertschätzung durch Vorgesetzte und Kollegen dazu, die einem nur noch mehr das Gefühl vermittelt, einer „Schachfigur“ ohne echte berufliche Perspektiven zu gleichen. Das greift die Psyche an und führt letztlich in eine „Sackgasse“. Die langfristigen Auswirkungen eines solchen stressgeplagten Lebensstils sind  fatal. Das physische und psychische Gleichgewicht ist nicht mehr hergestellt. Konflikte in zwischenmenschlichen Beziehungen, sei es in der Familie oder im Freundeskreis, fehlende körperliche Bewegung oder Ausgleich durch Hobbies führen zu negativem Stress und damit – gar nicht so selten -  zu gesundheitlichen Problemen.

 

Geld ist kein langfristiger Motivationsfaktor

Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssen erkennen, dass bei einem insgesamt überdurchschnittlichen Gehalt – wie es Elektronikingenieuren tendenziell bezahlt wird – 10 000 € mehr oder weniger beim Jahresgehalt nicht der überzeugende Aspekt sein können. Es ist sogar wissenschaftlich belegt, dass Geld als Motivationsfaktor nur bis zu einem bestimmten Grad brauchbar ist, langfristig aber schnell seinen Reiz verwirkt hat. So hat beispielsweise der Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Bruno Frey in seinen zahlreichen empirischen Studien tausende von Personen dazu befragt, ob Geld wirklich glücklich macht. "Ja", sagt Frey, "Menschen mit höherem Einkommen weisen im Durchschnitt eine höhere Lebenszufriedenheit auf als Menschen mit niedrigerem Einkommen." Die Studie verdeutlicht  allerdings auch, dass sich das Lebensglück kaum weiter steigert, sobald erst einmal ein mittleres Einkommen erreicht ist. Geld bietet somit Sicherheit, kann jedoch keine Steigerung der Lebenszufriedenheit garantieren.

 

Auf das "Gesamtpaket" kommt es an

Arbeitgeber sollten sich bei Ihren Stellenausschreibungen demnach nicht lediglich auf die Ausarbeitung einer attraktiven Bezahlung konzentrieren  sondern den Blick für ein sinnvolles „Gesamtpaket“ entwickeln.  Ein lukratives Paket sollte zumindest einen Großteil der folgenden Fragen mit „Ja“ beantworten können:

  • Handelt es sich bei der Firma um ein stabiles, werteverbundenes Unternehmen?
  • Sind die Unternehmensziele erkennbar und sinnvoll?
  • Verspricht die übernommene Funktion einen hohen Entscheidungs- und Verantwortungsspielraum?
  • Besteht die Möglichkeit, sich im Rahmen realer und erreichbarer Aufgaben weiter zu entwickeln?
  • Wird ein branchenübliches Gehalt bezahlt?
  • Spüren die Mitarbeiter die Wertschätzung und das Vertrauen der Geschäftsführung?
  • Bietet das Unternehmen seinen Mitarbeitern die Möglichkeit, die eigenen Kompetenzen und die Arbeitskraft laufend den Anforderungen des Arbeitsmarktes anzupassen?
  • Ermöglicht das Unternehmen seinen Mitarbeitern genug Zeit für private Tätigkeiten einzusetzen ohne berufliche Konsequenzen  befürchten zu müssen?


Stephen Meyer ist inzwischen Key Accounter bei besagtem Unternehmen. Er  hat  trotz massiver Gehaltseinbußen rechtzeitig die Notbremse gezogen und erfährt – wie er sagt -  inzwischen wieder deutlich mehr Zufriedenheit in seinem Beruf.  Sicherlich ist eine berufliche Entwicklung hin zu einem geringeren Gehalt kein leichter Schritt und liegt definitiv entgegen dem typischen Trend; dennoch mag eine derartige Karrierewendung dem Leben wieder etwas mehr Qualität verleihen."

 

Ein Gastbeitrag von Alexandra Klier, Project Managerin der Personalberatung SchuhEder Consulting. 


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